Ob Bagger oder Kreissägen, Betonmischer oder Elektrowerkzeuge, eine typische Baustelle ist ohne eine Vielzahl unterschiedlicher Lärmquellen kaum vorstellbar. Nicht nur Pressluftbohrer oder Rüttelplatte, auch die meisten anderen Baumaschinen sind recht lärmintensiv.

Das trifft nicht nur für Abbrucharbeiten, Erdarbeiten und den Rohbau zu. Auch viele typische Arbeitsverfahren im Innenausbau wie etwa der Einsatz von Steinsägen, Winkelschleifern oder Mauernutfräsen verursachen jede Menge Lärm.

 

 

 

Zu viel Lärm macht krank

Lärmemissionen am Arbeitsplatz sind ein zentrales Thema für Arbeits- und Gesundheitsschätzer. Denn hohe Schallintensitäten belasten das Gehör und können es dauerhaft schädigen. Solche Schädigungen des Innenohrs sind z. T. irreversibel und unheilbar, was oft erst zu spät bewusst wird. Lärminduzierte Schwerhörigkeit ist in Deutschland eine der häufigsten Berufskrankheiten.

Dazu kommt, dass Lärm zum Stressfaktor werden kann, der auf unser vegetatives Nervensystem einwirkt und damit Atmung, Blutkreislauf und Stoffwechsel beeinträchtigt. Diese sogenannten „extra-auralen“ (nicht direkt das Ohr betreffenden) Wirkungen gelten als Risikofaktoren für Langzeitfolgen einer Lärmbelastung. Das können Erkrankungen des Verdauungssystems sein oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafstörungen oder Tinnitus.

 

Schutz vor Lärm und Vibrationen

Wie vor allen anderen Verletzungs- und Gesundheitsrisiken muss der Arbeitgeber seine Beschäftigten auch vor Gefährdungen durch Lärm am Arbeitsplatz schützen. Der Gesetzgeber hat für diesen Gefährdungsfaktor mit der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung (LärmVibrationsArbschV) sogar eine eigene Rechtsgrundlage geschaffen. Konkretisiert werden deren Anforderungen durch die TRLV Lärm, die vier Technischen Regeln zur Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung. Sie beschreiben die Gefährdungsbeurteilung bei Lärm, das Messen von Lärmemissionen und die Auswahl von Lärmschutzmaßnahmen.

Ebenfalls für den Lärmschutz am Arbeitsplatz relevant ist die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A3.7. Sie

  • definiert die zentralen Begriff zu Lärmwirkungen und Lärmschutz
  • zeigt, wie Lärmgefährdungen beurteilt werden
  • nennt die Pegelwerte und welche Lärmschutzmaßnahmen ein Überschreiten verpflichtend auslöst
  • erläutert einige abweichende bzw. ergänzende Anforderungen für Baustellen im Abschnitt 9

Die für lärmbelastete Arbeitsplätze empfohlenen Lösungsansätze wie ein Umstellen auf lärmarme Arbeitsverfahren oder das Kennzeichnen von Lärmbereichen sind auf Baustellen nicht immer umsetzbar und zweckmäßig. Denn das Geschehen ist dynamisch und oft sind unterschiedliche Firmen und Gewerke – und damit unterschiedliche potenzielle Lärmquellen – gleichzeitig aktiv. Wenn technische und organisatorische Maßnahmen nicht ausreichen, um die auf dem Bau beschäftigten Personen in ausreichendem Maß vor Lärmbelastungen zu schützen, wird das Tragen von Gehörschutz-PSA unverzichtbar.

 

Die 3 Typen von Gehörschutz

PSA zum Schutz vor Lärm gibt es in unterschiedlichen Formen. Jede Art von Gehörschutz hat ihre Vor- und Nachteile und damit ihre Berechtigung je nach den vorliegenden Arbeitsbedingungen und / oder persönlichen Befindlichkeiten:

Ohrstöpsel gibt es in zwei Varianten. Zum einen als Einmalartikel aus Schaumstoff, der nach Verwendung weggeworfen wird, zum andren mit Lamellen aus Kunststoff zur wiederholten Benutzung. Beide Varianten haben den Vorteil, dass sie auch mit Brille, Schutzbrille oder dem – auf Baustellen obligatorischen – Schutzhelm problemlos kombinierbar sind. Sie sind auch bei längerer Benutzung gut verträglich oder wenn man mit Kapselgehörschutz aufgrund der Außentemperatur oder Arbeitsschwere zu sehr schwitzen würde. Auch für Tinnitus-Patienten sind Ohrstöpsel meist die beste Wahl.

Kapselgehörschützer eignen sich besonders für Situationen, in den ein Gehörschutz nur kurzzeitig notwendig wird oder wenn der Gehörschutz zwischendurch immer wieder abgelegt werden muss. Hier wäre ein ständiges Rein und Raus von Ohrstöpseln umständlich. Auch für Mitarbeiter, die Ohrstöpsel nicht gut vertragen – wegen Juckreiz oder wenn der Gehörgang zur Entzündung neigt – sind die „Mickey Mäuse“ oft eine sinnvolle Alternative. Nachteilig sind Kapselgehörschützer, wenn trotz Lärmbelastung am Arbeitsplatz Schallquellen geortet werden müssen. Denn die das Ohr umschließenden Kapseln erschweren das Richtungshören, d. h. ihr Träger kann Schwierigkeiten bekommen, die Richtung und Entfernung einer Schallquelle einzuschätzen.

Otoplastiken bieten nach Meinung vieler Anwender den höchsten Tragekomfort bei gleichzeitig optimalem Schutz. Sie werden individuell – sowohl für die Person wie auch für das rechte und linke Ohr – hergestellt, indem aus einem Abguss des Gehörgangs ein Pfropf aus Kunststoff (Silikon oder Acryl) gefertigt wird. Arbeitsmediziner empfehlen Otoplastiken auch für Beschäftigte, bei denen bereits eine Lärmschädigung vorliegt.

Auf normativer Seite werden die Anforderungen an professionellen Gehörschutz in der EN 352 geregelt. Gehörschutz-PSA sollte mit der zutreffenden Norm gekennzeichnet sein:

  • EN 352-1: Kapselgehörschützer
  • EN 352-2: Gehörschutzstöpsel;
  • EN 352-3: An Kopfschutz und/oder Gesichtsschutzgeräten befestigte Kapselgehörschützer
  • EN 352-4: Pegelabhängig dämmende Kapselgehörschütze
  • EN 352-5: Kapselgehörschützer mit aktiver Geräuschkompensation
  • EN 352-6: Kapselgehörschützer mit sicherheitsrelevantem Audioinput
  • EN 352-7: Pegelabhängig dämmende Gehörschutzstöpsel
  • EN 352-8: Kapselgehörschützer mit Audiounterhaltungseingang
  • EN 352-9: Gehörschutzstöpsel mit sicherheitsrelevantem Audioinput
  • EN 352-10: Gehörschutzstöpsel mit Audiounterhaltungseingang

 

Gehörschutz-PSA in breiter Vielfalt

Das Modellspektrum an Gehörschutz-PSA ist recht breit. Selbst die schlicht wirkenden, wiederverwendbaren Gehörschutzstöpsel gibt es in unterschiedlichen Varianten, z. B. mit Verbindungsschnur oder mit Bügel. High-Tech-Varianten haben Zusatzfunktionen wie Bluetooth oder Radio integriert. Wichtig bei Modellen mit Schnur ist, dass diese aufgrund der Einzugsgefahr nicht in der Nähe von Maschinen mit bewegten Teilen (Sägen usw.) verwendet werden dürfen./p>

Grundsätzlich sollte PSA stets so gewählt werden, dass sie die Schutzwirkung einer anderen PSA-Komponente nicht beeinträchtigt. Wenn gleichzeitig Kopfschutz, Augenschutz und Gehörschutz getragen werden müssen, sind alle Komponenten aufeinander abzustimmen. Ach für solche Fälle sind geeignete Lösungen verfügbar, z. B. Helmmodelle mit integriertem Gehörschutz. Kapselgehörschützer können zudem über weitere Funktionen verfügen wie Funk und Mikrofon oder eine aktive pegelabhängige Dämmung, die vor Lärm schützt, aber gleichzeitig Gespräche ermöglicht. Unterstützung beim Wählen des am besten geeigneten Gehörschutzes bietet die DGUV Regel 112-194.

Friedhelm Kring