Chemikalienschutzanzüge, auch als Vollschutzanzüge bezeichnet, schützen im Gegensatz zu anderen PSA-Komponenten nicht einzelne Körperregionen oder Sinnesorgane, sondern den ganzen Körper ihres Trägers.

Diese spezielle Schutzausrüstung kommt nicht nur in Biochemie-Laboren oder der chemischen Industrie zum Einsatz, sondern kann auch bei vielen anderen Aufgaben und Tätigkeitsfeldern dazu dienen, Gesundheitsgefährdungen zu minimieren, z. B.:

 

 

 

  • eim Ausbringen von Reinigungsmitteln durch Sprühen oder Spritzen in der Industrie- und Gebäudereinigung
  • bei Spritzverfahren mit Farben und Lacken in Lackierereien
  • beim Anmischen, Ausbringen oder sonstigem Arbeiten mit gesundheitsgefährlichen Substanzen wie Laugen, Säuren, lösemittelhaltigen Abbeizern, Epoxidharz-Produkten u. v. a.
  • zum Schutz vor infektiösen Keimen und Krankheitserregern im Gesundheitswesen
  • bei der Bekämpfung von Schädlingen und Ungeziefer
  • beim Umgang mit Asbest und asbestbelasteten Baustoffen bei Abbruch- oder Sanierungsarbeiten
  • bei Tätigkeiten mit oder in der Nähe von giftigen oder stark allergisierend wirkenden Pflanzen, z. B. Riesen-Bärenklau oder Beifußblättrige Ambrosie
  • beim Umgang mit einigen speziellen tierischen Schädlingen wie etwa dem aufgrund der Brennhaare seine Raupen gefürchteten Eichenprozessionsspinner

Das Verwenden von Chemikalienanzügen wird immer dann erwogen, wenn Mitarbeiter oder Einsatzkräfte in Umgebungen tätig werden, die durch gefährliche oder unbekannte und potenziell gefährliche Substanzen kontaminiert sind. Das kann ein Chlorgasausbruch in einem Schwimmbad sein, eine Leckage in einem produzierenden Unternehmen oder ein havarierter Transport von Sonderabfällen.

 

6 Schutztypen für Chemikalienschutzanzüge

Die Anforderungen für Chemikalienschutzanzüge sind streng vorgegeben. Eine Vielzahl spezifischer Normen (s. u.) legt die Leistungsmerkmale und die dafür vorgesehenen Prüfverfahren fest. Unterschieden werden 6 Schutztypen bzw. Schutzgrade:

  • Typ 1: Gasdichte Vollschutzanzüge; schützen vor festen, flüssigen und gasförmigen Chemikalien; mit Untertypen je nach Art der Atemluftzufuhr (DIN EN 943-1)
  • Typ 2: Schutz gegen Flüssigkeiten, Spray und Staub (nicht gasdicht); dieser Typ ist aktuell nicht genormt
  • Typ 3: Schutz gegen flüssige Chemikalien, die in Form eines Flüssigkeitsstrahls auftreten (DIN EN 14605)
  • Typ 4: Schutz gegen flüssige Chemikalien, die nicht unter Druck stehen und z. B. in Form von Sprühnebel auftreten (spray- oder sprühdicht) (DIN EN 14605)
  • Typ 5: Schutz gegen luftgetragene feste Partikeln (Staub) (DIN EN ISO 13982)
  • Typ 6: mit eingeschränkter Schutzleistung gegen flüssige Chemikalien, schützt vor leichtem Sprühnebel (DIN EN 13034)

Die Arbeitsschutz-Regelwerke nehmen an einigen Stellen direkten Bezug auf diese Einteilung. So sind z. B laut TRGS 524 „Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten in kontaminierten Bereichen“ Chemikalienschutzanzüge vom Typ 3 bis Typ 1 geeignet für

  • Tätigkeiten, bei denen eine direkte Berührung mit Gefahrstoffen in größerer Menge nicht ausgeschlossen werden kann
  • Tätigkeiten mit hohen oder Gefahrenpotential, etwa chemischen Kampfstoffen
  • Tätigkeiten mit Gefahrstoffen, die auch im gasförmigen Aggregatszustand in relevanten Mengen über die Haut aufgenommen werden können

 

Bei Kontamination mit Chemikalien ist – ähnlich wie bei Chemikalienschutzhandschuhen – die Durchbruchzeit zu beachten. Dies gilt nicht nur für das Anzugmaterial, sondern auch für Nähte und Reißverschlüsse. Die verpflichtende Kennzeichnung sowie die Gebrauchsanweisung des Herstellers informieren den Anwender über Einsatzmöglichkeiten und -grenzen.

Je nach vorgesehener Tätigkeit und Arbeitsumgebung sind bei der Auswahl des Chemikalienschutzanzugs weitere Anforderungen zu berücksichtigen, die größtenteils ebenfalls normiert sind. Das können z. B. elektrostatische Eigenschaften sein, die Notwendigkeit eines Schutzes vor infektiösen Biostoffen oder der Schutz vor radioaktiver Kontamination.

Neben dem Schutz des Menschen vor gefährlichen äußeren Einwirkungen wie Partikeln, Flüssigkeitsspritzern, Strahlung oder infektiösen Erregern kann ein Chemikalienschutzanzug auch die Aufgabe haben, die Umgebung vor dem Menschen zu schützen. Das ist z. B. der Fall, wenn besonders empfindliche Produkte unter Reinraumbedingungen hergestellt werden und eine Kontamination durch Haare oder Hautschuppen verhindert werden muss.

 

An- und Ausziehen will gelernt sein

Entscheidend für den Schutz des Trägers und seiner Umgebung ist das sorgfältige An- und Ausziehen des Chemikalienschutzanzugs. Die einzelnen Schritte sollten in einer festen Reihenfolge erfolgen. Unter dem Vollschutzanzug sollten möglichst keine Gegenstände wie Werkzeuge, Smartphones, Schlüssel, Kugelschreiber o. ä. getragen werden. Nach dem Einsatz muss das Ausziehen so erfolgen, dass die verunreinigte Außenseite des Anzugs zu keinem Zeitpunkt mit der Haut oder der Unterbekleidung in Kontakt kommt. Sowohl das Anziehen wie auch das Ausziehen müssen sorgfältig unterwiesen und eingeübt werden. Je mehr die einzelnen Schritte und Bewegungsabläufe trainiert und eingeprägt wurde, desto sicherer sind sie auch in der Hektik einer Notfallsituation abrufbar.

Einweg-Overalls sollten nach einem Einsatz fachgerecht entsorgt werden, um ein Verschleppen der Verschmutzungen und Kontaminationen in die Umgebung zu verhindern. Dazu wird der Schutzanzug mit der Außenseite nach innen zusammengerollt und bis zur Abholung in einem Behälter mit dicht schließenden Deckel entsorgt.

 

An- und Ausziehen will gelernt sein

  • DIN EN 943-1 „Schutzkleidung gegen gefährliche feste, flüssige und gasförmige Chemikalien, einschließlich Flüssigkeitsaerosole und feste Partikel - Teil 1: Leistungsanforderungen für Typ 1 (gasdichte) Chemikalienschutzkleidung“
  • DIN EN 943-2 „Schutzkleidung gegen gefährliche feste, flüssige und gasförmige Chemikalien, einschließlich Flüssigkeitsaerosole und feste Partikel - Teil 2: Leistungsanforderungen für Typ 1 (gasdichte) Chemikalienschutzkleidung für Notfallteams (ET)“
  • DIN EN 1073-1 „Schutzkleidung gegen feste Partikel einschließlich radioaktiver Kontamination – Teil 1: Anforderungen und Prüfverfahren für belüftete Schutzkleidung zum Schutz des Körpers und der Atemwege“
  • DIN EN 1073-2 „Schutzkleidung gegen radioaktive Kontamination - Teil 2: Anforderungen und Prüfverfahren für unbelüftete Schutzkleidung gegen radioaktive Kontamination durch feste Partikel“
  • DIN EN 13034 „Schutzkleidung gegen flüssige Chemikalien - Leistungsanforderungen an Chemikalienschutzkleidung mit eingeschränkter Schutzleistung gegen flüssige Chemikalien (Ausrüstung Typ 6 und Typ PB [6]“
  • DIN EN ISO 13982-1 „Schutzkleidung gegen feste Partikeln - Teil 1: Leistungsanforderungen an Chemikalienschutzkleidung, die für den gesamten Körper einen Schutz gegen luftgetragene feste Partikeln gewährt“
  • DIN EN ISO 13982-2 „Schutzkleidung gegen feste Partikeln - Teil 2: Prüfverfahren zur Bestimmung der nach innen gerichteten Leckage von Aerosolen kleiner Partikel durch Schutzanzüge (ISO 13982-2:2004)“
  • DIN EN 14325 „Schutzkleidung gegen Chemikalien - Prüfverfahren und Leistungseinstufung für Materialien, Nähte, Verbindungen und Verbünde“
  • DIN EN 14605 „Schutzkleidung gegen flüssige Chemikalien - Leistungsanforderungen an Chemikalienschutzanzüge mit flüssigkeitsdichten (Typ 3) oder spraydichten (Typ 4) Verbindungen zwischen den Teilen der Kleidung, einschließlich der Kleidungsstücke, die nur einen Schutz für Teile des Körpers gewähren (Typen PB [3] und PB [4])“
  • DIN EN ISO 17491-3 „Schutzkleidung - Prüfverfahren für Chemikalienschutzkleidung - Teil 3: Bestimmung der Beständigkeit gegen das Durchdringen eines Flüssigkeitsstrahls (Jet-Test)“

Friedhelm Kring